Festival für eine gute Zukunft

Zukunftsbilder, Dialoge, Ausstellungen und Neue Musik
Dienstag 23. bis Sonntag 28. April 2013
Jugend- und Bildungshaus St. Arbogast / 6840 Götzis / Österreich
Festival für eine
gute Zukunft

Mittwoch, 24. April 2013

Nur noch Utopien sind realistisch

Gestern, Dienstag 23.4. abends wurden die Tage der Utopie 2013 von den Initiatoren und Organisatoren Josef Kittinger und Hans-Joachim Gögl eröffnet. Der große Saal im Bildungshaus St.Arbogast war voll, weitere Besucher konnten den Vortrag von Oskar Negt im Seminarraum über Videoübertragung verfolgen.





Oskar Negt, Jahrgang 1934 und einer der bedeutendsten Sozialwissenschaftler Deutschlands, ist für die Tage der Utopie aus Hannover angereist, um über einen neuen Gesellschaftsentwurf Europa zu sprechen. Unter diesem Titel hat er kürzlich auch ein Buch veröffentlicht, dessen Untertitel lautet: Plädoyer für ein gerechtes Gemeinwesen.

Oskar Negt hat nach dem Studium der Philosophie und Soziologie als Assisstent von Jürgen Habermas begonnen und sich Zeit seines Lebens für menschengerechte Arbeit und für eine menschenfördernde Schule eingesetzt. In seinem Buch "Nur noch Utopien sind realistisch", das im Herbst 2012 erschienen ist, konstatiert er einen großen Mangel in der Gesellschaft: "Die Gegenwart leidet an chronischer Unterernährung der produktiven Phantasie, würde Ernst Bloch sagen", schreibt Negt. Der Tatsachenmensch, der Realpolitiker des Alltags, sei schnell geneigt, einen Schritt zu unterlassen, der auf unsicherem Boden zu gehen wäre. Den Tatsachenmenschen fehle jeder Sinn für das Realistische in den Utopien. Der Realpolitiker sei die Grundlage der Misere.

In seinem Vortrag sprach Oskar Negt über die Enttäuschung der Menschen in Europa durch Euro-Schutzschirme und andere Entwicklungen, die dazu führten, dass jedes EU-Mitglied versuche, seine Schäfchen ins Trockene zu holen. Europa brauche, um zusammenwachsen zu können, einen kollektiven Lernprozess. Die Europäer sollten hinsehen, was in welchem Land gut sei und sehen, ob sie das übertragen oder weiterentwickeln könnten, statt immer nur zu schauen, was uns unterscheide oder ob der andere vielleicht mehr bekommen hat als man selbst. Später sagt Oskar Negt, dass wir aus alter Zeit unser ganzes System des Denkens aus Griechenland haben und nun dieses Land womöglich von der EU abkoppeln wollen!
Wichtig seien der Rechtsstaat, die Sozialstaatlichkeit und das ständige Erlernen und Üben der Demokratie, die derzeit an allen Ecken und Enden abgebaut werde. Das Lernen der Demokratie könne auch die Bindungen zwischen den Menschen stärken, die derzeit ebenfalls erodieren, doch das Bedürfnis nach Bindungen sei vorhanden.

Als Gefahren für die Zukunft Europas nennt Oskar Negt die Polarisierung der gesellschaftlichen Kräfte durch Ausgliederung des Reichtums, steigende Produktivität bei gleichzeitig Sparzwang, soziale Spaltung an Schulen, Abkoppelung der Peripherie von den Städten durch fehlende öffentliche Verkehrsverbindungen usw.
Zweitens die Flexibilisierung und Fragmentierung der Arbeit, die unter anderem die Familien auseinanderreisst. Oskar Negt zitiert dazu Richard Sennett aus dessen Buch "The corrosion of character": Flexibel ist nur der Baum, der feste Wurzeln hat, der andere zerbricht (sinngemäß).
Die dritte Gefahr sei die Dreiteilung der Gesellschaft, die immer schärfer werde. Ein Drittel der Gesellschaft sei integriert und habe einigermaßen befriedigende Arbeitsplätze, das zweite Drittel lebe in fortwährend prekären Lebensverhältnissen, das dritte Drittel sei von der Wirtschaft (und Gesellschaft) dauerhaft ausgegliedert, diese Menschen würden für den zentralen gesellschaftlichen Produktions- und Lebenszusammenhang nicht mehr gebraucht. Die Prekarisierung der Gesellschaft sei in alle Bereiche eingedrungen und akkumuliere Lebensängste. Es sei deshalb notwendig, zum Beispiel Gemeinwesenarbeit als originäre Form der Arbeit zu betrachten, etwas, das Wert hat.

Oskar Negt konnte keine Anleitung zur Lösung unserer Probleme – und derer gibt es viele! – geben, aber er hat uns allen etwas mitgegeben: Wir können nicht das Finanzsystem an der Wall Street ändern, aber jeder Einzelne ist aufgefordert, in seinem eigenen Lebenszusammenhang etwas zu verändern. 

 Und er weist auf Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften" hin, in dem es heißt:
"Wenn es aber Wirklichkeitssinn gibt, und niemand wird bezweifeln, daß er seine Daseinsberechtigung hat, dann muß es auch etwas geben, das man Möglichkeitssinn nennen kann. Wer ihn besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muß geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müßte geschehn; und wenn man ihm von irgend etwas erklärt, daß es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein. So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist." (Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften)

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